Produkthaftung im Brandschutz: Wenn aus Schutz ein Risiko wird

Die rechtlichen Fallstricke des Brandschutzes beginnen längst nicht erst beim Gebäudebetreiber – sie ziehen sich bis in die Lieferkette hinein. Hersteller von Brandschutzprodukten wie Brandschutzfenster tragen eine immense Verantwortung, die weit über die Garantie hinausgeht. Wer fehlerhafte Rauchmelder, mangelhafte Feuerlöscher, fehlerhafte F90 Fenster oder unzureichend dokumentierte Baumaterialien in Verkehr bringt, kann bei einem Brand nicht nur zivilrechtlich, sondern auch strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden. Die neue EU-Produkthaftungsrichtlinie (2023/123) verschärft diese Pflichten dramatisch: Sie macht Hersteller bereits ab dem ersten Schadensfall für vollen Ersatz haftbar, wenn ein Produkt nicht den „erwarteten Sicherheitsstandard“ erfüllt – selbst ohne Nachweis von Fahrlässigkeit.  

Ein aktueller Präzedenzfall zeigt die Brisanz: Ein Hersteller von Lithium-Ionen-Akkus für E-Bikes wurde zu 12 Millionen Euro Schadensersatz verurteilt, nachdem mehrere Akkus in Hausgaragen explodiert waren. Das Gericht sah als Hauptverschulden nicht den technischen Defekt, sondern unklare Warnhinweise zur Lagerungstemperatur. Die winzige Schrift im Handbuch („Nicht über 40°C lagern“) reichte nicht aus – stattdessen hätten Piktogramme auf dem Akku selbst angebracht werden müssen. Parallel läuft ein Strafverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung, weil ein Mieter durch Rauchgasvergiftung dauerhafte Lungenschäden erlitt.  

Besonders heikel ist die Haftung bei nachträglicher Gefahrenkenntnis. Stellt ein Hersteller fest, dass seine Wanddurchführungen für Kabel bei Temperaturen über 80°C schmelzen, muss er nicht nur ein Rückrufverfahren starten, sondern aktiv alle bekannten Käufer informieren – per Einschreiben, nicht nur per Newsletter. Unterlässt er dies, gilt im Schadensfall: Vorsatz durch bewusstes Inkaufnehmen. Ein Elektrounternehmen musste 2024 Insolvenz anmelden, nachdem es nachträglich entdeckte Schwelbrandrisiken bei seinen Schaltschränken verschwiegen hatte.  

Die Baubranche kämpft mit einer anderen Herausforderung: Systemhaftung. Wenn ein Brandschutztür-Hersteller ein Modell als „feuerhemmend für 30 Minuten (EI30)“ zertifiziert, aber gleichzeitig kompatible Schließsysteme eines Drittanbieters in der Montageanleitung empfiehlt – und dieses Kombi-System im Test versagt, haften beide Unternehmen solidarisch. Ein Architekturbüro wurde kürzlich zu 30 % an einem 5-Millionen-Schaden beteiligt, weil es im Plan lediglich „EI30-Tür“ spezifizierte, ohne die Kompatibilität von Zubehör zu prüfen.  

Doch das größte Risiko lauert im E-Commerce. Onlinehändler, die Billig-Rauchmelder aus Drittländern ohne CE-Kennzeichnung vertreiben, werden nach §823 BGB wie Hersteller behandelt. Das Landgericht München verurteilte einen eBay-Händler zur Zahlung von 860.000 €, weil ein non-konformer Melder bei einem Seniorenheim-Brand nicht auslöste. Die Begründung: Als „Inverkehrbringer“ hätte er stichprobenartige Prüfungen durchführen müssen.  

Prävention heißt hier: lückenlose Dokumentationskette. Jeder Hersteller sollte ein digitales Produkt-Cocktail führen, das Einkaufsdaten (Rohstoffzertifikate), Produktionsprotokolle (Werktests), Kundenkommunikation (Warnhinweise) und Feedback (Rezensionen auf Amazon!) verknüpft. Im Rechtsstreit entscheidet oft, ob nachgewiesen werden kann, dass Sicherheitsupdates proaktiv kommuniziert wurden.  

Für Planer und Betreiber bedeutet dies: Sie müssen beim Einkauf von Brandschutzartikeln Sorgfaltspflichten dokumentieren. Ein Facility-Manager eines Krankenhauses entging nur knapp einer Strafe, weil er bei der Beschaffung von Feuerlöschern nicht nur auf den Preis, sondern auf aktuelle TÜV-Zertifikate und Herstellerreputation achtete – und dies per E-Mail protokollierte. Sein Kollege in einem Altenheim, der bei Ebay „Schnäppchen“ löschte, sitzt nun wegen fahrlässiger Tötung in der Verhandlung.  

Die rechtliche Botschaft ist klar: Brandschutz lebt nicht von Produkten allein – sondern vom lückenlosen Sicherheitsdialog zwischen Hersteller, Händler und Anwender. Wer diese Kette unterbricht, zündelt nicht nur mit Feuer, sondern mit seiner Existenz.

deri.at
Privacy Overview

This website uses cookies so that we can provide you with the best user experience possible. Cookie information is stored in your browser and performs functions such as recognising you when you return to our website and helping our team to understand which sections of the website you find most interesting and useful.